Reiner und Harry: Am Ende der Fahnenstange

Noch ein kurzer Schluck aus der ALDI-Whiskeypulle bevor es hier mal so richtig los geht. Stammtisch-Feeling inklusive. Nur leider kommt unter der kalten Brücke hier am Stadtgarten keine gute Laune auf. Ich bin blank, keine Kohle im Portemonnaie und alles was mir an Freund geblieben ist, sammelt sich in dieser alten, schäbigen Flasche Fusel. Was denkt meine Frau von mir? Pardon, ich meinte natürlich Ex-Frau. Keine Frau steht auf Männer ohne Geld. Naja, was kann ich ihr hier unter meiner schönen Fernverkehrsbrücke nur bieten.

Nein, ich bin ganz allein. Ich habe keinen Weggefährten.. außer Harry. Und Harry ist geradezu euphorisch und tritt unserer neuen Lebenssituation mit einer weitaus positiveren Perspektive entgegen. Wir sind am Boden angelangt. Deswegen kann es ja, nach Harry’s Meinung, nur noch steil nach oben gehen. Richtig schnuckelig finde ich seinen Optimismus nicht gerade. Aber es hält ihn warm. Warum sollt ich ihm irgendwas ausrede

Lautes Rülpsen. Und nun? Vielleicht mal wieder einen Neuanfang starten? Vielleicht ist das hier alles auch nur ein schlechter Traum. Letztens lagen wir noch zusammen vollkommen zugedröhnt auf dem WC. Und nun? Plötzlich unter einer Brücke schlafen? Ich war immer als Extremfall bekannt. Aber so extrem wollte ich es nie haben. Hand aufs Herz. Das hier ist kein schlechter Groschenroman und ich bin kein schlechtes Beispiel für unsere verfallende Gesellschaft. Genug gesüffelt.

Die Aldi-Flasche zerschellt an der Brückenwand.

Mein Leben verläuft in Episoden. Was ist, wenn das hier die Vorgeschichte zu etwas richtig großen ist? Da bei dem Zauberjungen gabs doch auch den Phoenix aus der Asche. Doch um auferstehen zu können, müsst ich erstmal brennen. Oder Rauch…. Moment. Es wird kurz in mein Handgelenk gekniffen. Ich muss träumen! Hier sind doch all die Sachen wovon ich immer geträumt habe. „Ich bin nicht pleite, Harry! Wir sind nur gefangen im Limbo.“

Gefangen im Limbo. Was heißt das? Das heißt an einem Ort zu sein, den man sich vorstellt und der so schön ist. Man will nie wieder weg!

Diese Brücke und dieser Fusel geben mir Gewissheit. Ich mustere vorsichtig den Boden vor mir.. leider bin ich noch etwas angetrunken, deswegen kann ich nicht so wie ich will. Der ganze Boden ist vermüllt mit allerlei Zeugs. Das können ich und Harry niemals im Leben allein gewesen sein. Vorsichtig nehm ich mir eine Schachtel in die Hand. Reis? Wer schmeißt Reis unter eine Brücke? Der Limbo muss mit uns spielen. Wer war Limbo? Limbo war der Obermacker hier. Nach meiner Mutmaßung ist Limbo die Spaltung meiner Selbst in reale und surreale Teile. Abgefahren! Ich freu mich wie ein kleines Kind und springe hin und her. Also bin ich ja doch nicht pleite. Oder war das vielleicht meine reale Projektion auf diese Traumwelt, die ich mir gerade vor meinen Augen aufspanne. Im wahren Leben siehts nämlich echt nicht gut aus. Und was ist eigentlich mit Harry? Ich kenne keinen Harry im echten Leben, oder vielleicht doch? Vielleicht ist Harry eine Kreation des Limbo.

Sozusagen ein Agent des Limbo um mich in Schach zu halten. Ich traue Harry nicht mehr über dem Weg. Obwohl er mir vorkommt wie ein Kindheitsfreund… ich kann und muss ihn nicht länger mit mir rumziehen. Ich stehe auf… und schüttele den Alkohol von mir. Anscheinend zeigt das Wirkung. Mein Delirium löst sich langsam auf und ich kann wieder klare Gedanken fassen. Ich bewaffne mich mit Stock und Stein und ziehe los.

Zur Festung des Limbo. (Harry folgt mir trotzdem noch wie die Pest.)

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2 Gedanken zu “Reiner und Harry: Am Ende der Fahnenstange

  1. Du schreibst sehr gut, sehr intensiv.

    Harry wird dir immer folgen. Und das hat nichts damit zu tun, dass du angeblich nicht zuhören konntest. Das was passierte, das was passiert, war – ist Harrys Absicht. Du musst nur aufpassen, dass du nicht zu Harry wirst. Wie du an anderer Stelle schreibst – Gesundheit ist das Wichtigste.
    !!

    Ich komme wieder – wie gesagt, du schreibst sehr intensiv.
    Grüße
    Heike

    1. Danke Heike. Dein Lob bedeutet mir viel.
      Harry ist ein Teil von Reiner in gewisser Art und Weise. Nur leider wird manchen Menschen nicht bewusst, was sie für eine Gravitation auf andere ausüben. Selbst wenn sich Harry oder Reiner entziehen würde, am Ende sind sie immer nebeneinander zu finden.

      LG
      Sebastian

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