Jeder stirbt alleine.

Stille Schreie sind die schlimmsten. Ich kann den Menschen nicht in ihre leichen-erstarrten Gesichter blicken, wenn nach 5 Tagen die Wohnung wegen ‚Gestanks‘ aufgemacht wird und mir ein Toter entgegenblickt. Der erste Griff ist meistens an die Nase. Wie traurig ist diese Welt? Niemand vermisste den alten Herrn Weinreich. Wobei das Prädikat alt mit 44 sicherlich nicht für jeden zutrifft. Aber Herrn Weinreich sah alt aus. Sterbensalt. Viel zu viel musste er miterleben. Die letzten Minuten waren besonders schmerzhaft. Aber lasst uns nicht von Herrn Weinreichs Ableben reden.. sondern viel mehr von seinem Leben.

Er hat versucht in dieser schäbigen, undankbaren Welt Fuß zu fassen. Ausbildung, danach an eine anerkannte Universität und schließlich der Traumjob mit 26. Ein erfülltes Leben. So scheint es nach aussen hin. Doch Herr Weinreich trug sehr viel Schmerz in sich drin. Da war der Sohn, der seinen eigenen Kopf hatte und die Familie ständig vor den Kopf stieß. Marvin war ein Hitzkopf und konnte einfach nicht seinen Mund halten. Selbst als Opa Weinreich verstarb meinte Marvin nur trocken: „Schade.“ Schulabbruch inklusive. Ein ganz verzogener Bengel. Christin war das Mustermädchen in der Familie, doch der Tod von Opa Weinreich änderte alles. Plötzlich ritzte sich Christin, plötzlich spielten Drogen ein großes Spiel in ihrem Leben. Und dann ging alles schnell. Falsche Kreise, Tod mit 16. Hier brach Herr Weinreichs Herz erneut. Der frühe Tod seines geliebten Vaters. Den Tod seiner eigenen Tochter mitzuerleben. Soviel Leid auf einmal.

Ist er schuld, dass sein Vater wegen mangelnder Pflege einen frühen Tod erleiden musste? Vielleicht. War er Schuld am Tod seiner eigenen geliebten Tochter? Vielleicht hätte man andere Erziehungsmethoden anwenden sollen, wenn einem die Tochter langsam aber sicher entgleitet. Aber was macht ein Vogel, der eingesperrt wird? Er bricht aus. Und genau so hat es Christin gemacht. Nur leider haben alle erzieherischen Mechanismen versagt. Was ist das bloß für eine Welt geworden? Für Herrn Weinreich gab es nach dem Tod seiner Tochter keine Freude mehr im Leben. Die Bowlingtruppe der Frühschicht war nur noch lästiges Beileben an einem Konstrukt genannt Gesellschaft.

Zur Arbeit gehen? Na klar, wie soll sonst noch Geld hereinkommen. Aber was macht man mit dem Geld, wenn man es nicht für seine Kinder ausgeben konnte. Marvin hat den Tod seiner Schwester nie verkraftet und musste anschliessend eingewiesen werden. Als kleinerer Bruder hat er sich immer an seiner Schwester orientiert. Die Vaterfigur war einfach immer zu schwach und bot ihm keinen Halt. Wie soll er auch irgendwem Halt geben. Herrn Weinreichs Jugend war geprägt von Arbeit und Schelte. Versagen wurde nicht geduldet. Hochgezüchtet zur Maschine. Ein perfekter Mensch für die Industrie der aufstrebenden 70 Jahre. Wo blieb die Zeit für die Kinder? Er musste funktionieren, wie man Kinder erzieht wurde weder gezeigt noch zeigte er jegliches Interesse an seinen Kindern. Sollten sie es genauso haben wie er früher und regelmäßig den Gürtel auf dem Oberschenkel spüren.

Lassen wir mal seine Ehefrau komplett aus der Lebensgleichung von Herr Weinreich heraus. Sie war nur in sein Leben gekommen und seine gesamte Kohle auf den Kopf zu hauen. Das dann sogar am Ende in der Karibik mit einem fremden Mann. Oder mehreren. Das entzog sich meines Wissens.

Herr Weinreich liegt nun da, in seinem eigenen getrockneten Blut. Neben seinem leblosen Körper liegt ein Bilderrahmen.

Eine Erinnerung an fröhlichere Tage.

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